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Wie eine grosse Familie

Interview mit Sabine Borrmann, Leitung Wohngruppe für Menschen mit Demenz

Sabine Borrmann arbeitet seit fünf Jahren in der Grünhalde. Mehr als 17 Jahre zählt ihr um-fangreicher Erfahrungsschatz in der Arbeit mit demenziell entwickelten Menschen. Die Leiterin der Wohngruppe für Menschen mit Demenz erzählt von umgekehrten Tagesabläufen, Zusammenhalt im Team und den herausfordernden Momenten ihres Berufsalltags in der Grünhalde.

Frau Borrmann, Sie leiten die Wohngruppe für Menschen mit Demenz. Welches Betreuungskonzept verfolgen Sie?

Wir pflegen ressourcenorientiert, im Mittelpunkt steht die Betreuung. Wir richten uns und die Pflege komplett nach den Bedürfnissen der Bewohnenden: Wenn sich beispielsweise jemand morgens nicht waschen lassen möchte, dann wird er nicht gewaschen, sondern vielleicht erst am Abend. Unser Fokus liegt darauf, die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewoh-ner zu erkennen und uns danach zu richten. Es gibt keinen fixen Tagesablauf.

Dafür benötigt man aber auch speziell geschultes Personal, welches dieselbe Philosophie verfolgt?

Es müssen alle am gleichen Strick ziehen. Bereits im Vorstellungsgespräch werden die Erwartungen klar kommuniziert. Um auf das genannte Beispiel zurückzukommen: Natürlich ist Körperhygiene ein wichtiges Thema – und trotzdem muss man es manchmal ein wenig beiseiteschieben, um die Bedürfnisse der Betreuten ins Zentrum stellen zu können.

Momentan habe ich das grosse Glück, ein sehr konstantes Team leiten zu dürfen; darauf bin ich sehr stolz. Wir sind zehn Mitarbeitende und mit den Lernenden und Praktikanten sind wir insgesamt 13 engagierte Personen. Oft hören wir von Angehörigen, dass wir gegen aussen als grosse Familie erscheinen würden, als seien die Bewohnerinnen und Bewohner unsere Eltern oder Grosseltern.

Ein schönes Bild des Zusammenlebens…

Erst gerade sagte mir die Tochter einer Bewohnerin: «Wenn ich gewusst hätte, dass die Demenzabteilung so toll geführt wird, wäre meine Mama schon viel länger hier.» Ihre Mutter ist bei uns richtiggehend aufgeblüht; sie fühlt sich sehr wohl in der Wohngruppe.

Sie sprechen hier ein wichtiges Stichwort an: Wie wählt man als Angehörige den richtigen Zeitpunkt für den Heimeintritt?

Ein schwieriges Thema, sicher eine der grössten Herausforderungen in meinem Beruf. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Angehörigen oft zu lange warten; meist haben sie Gewissensbisse. Für die Angehörigen ist es nicht leicht zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt für den Eintritt in eine Institution ist. In Familiengesprächen versuchen wir mit viel Feingefühl und Empathie, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Wie erleben Sie den Krankheitsverlauf?

Mit der Zeit können die Bewohnerinnen und Bewohner manche Verknüpfungen nicht mehr herstellen. Das geht so weit, bis man einfach nur noch «da» ist. Obwohl sie gewisse Erinnerungen nicht mehr abrufen können, bekommen sie das Hier und Jetzt dennoch mit. In dieser letzten Phase des Lebens sind es vor allen Dingen Elemente wie Berührungen, Nähe und Wärme, die wichtig sind. Da sein für die Person. Ich hatte ein Erlebnis bei der letzten Begleitung einer Bewohnerin, die nicht mehr sprechen konnte. Ich ging zu ihr ans Bett, habe einfach nur ihre Hand gehalten und ihr gesagt: «Es ist alles erledigt, Sie dürfen jetzt gehen», und am selben Tag ist sie verstorben. Das zeigt mir, worauf es wirklich ankommt.

Unsere WG-Katze: Tiere bereichern den Alltag von Menschen mit einer demenziellen Entwicklung.